Tolerating the intolerant
Tolerating the intolerant
Ein altes Problem: Muss man als Toleranter die Intoleranten tolerieren? Widerspricht man sich selbst, wenn man es nicht tut? Das erinnert an das Groucho-Marx-Paradox: „I don't care to belong to any club that will have me as a member.“
Wie immer muss man unterscheiden. Als tolerant bezeichnet man den, der ihm Unliebsames hinnimmt. Das ist aber vielleicht zu wenig. Richtig tolerant ist ein anderer: Wer andere *Gründe* respektiert, auch ohne sie zu teilen. Bei Geschmacksfragen ist das offenkundig. Jemand mag keine Musicals, eine Freundin liebt sie. Sie muss unbedingt ins Phantom der Oper, bevor das Musical seine Pforten dichtmacht. Er toleriert das, obwohl er Musicals nicht ausstehen kann. Sie ist eben ein Fan! Das sind ihre Gründe. Ob sie nun hingehen oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.
Nicht anders im Falle anderer Vorlieben, auch sexueller: Er kann mit Gasmasken nichts anfangen, für sie ist gerade das der Kick. Ein anderer kann auf Blümchensex nicht verzichten, sie dagegen will es härter. Oder das weite Feld der Bodymodification. Er mag Tattoos, jedoch kein Silikon. Sie mag Silikon, allerdings keine Tattoos. Oder umgekehrt. Oder beides. Oder keines davon. In allen diesen Fällen kann man tolerant sein, ohne die Vorlieben des anderen zu teilen. Gerade das macht Toleranz aus: Respekt, *ohne* die Gründe zu teilen.
Der Ursprung richtig verstandener Toleranz ist eine simple Einsicht: Unsere Handlungsgründe sind *immer* subjektiv. (Objektive Gründe sind nur Fiktion: Letztlich das, von dem andere wollen, dass es unsere (subjektiven) Handlungsgründe seien.) Ich kann nur nach dem handeln, was mir subjektiv einleuchtet. Und dann gilt: Meine Gründe sind zwar andere als deine. Sie sind jedoch nicht prinzipiell besser. Ob man Musicals also mag oder nicht, es gibt da keinen objektiven Maßstab. Ob man auf Gasmasken, Blümchensex, Tattoos, Silikon etc. steht - am Ende des Tages läuft es stets auf dasselbe hinaus. Der eine mag’s, der andere nicht. Wenn sich beide dessen bewusst sind: gut.
Zum Problem wird der *Eiferer*. Er glaubt, im Besitz der wahren Meinung zu sein. Seine eigene Meinung ist ihm nicht bloß Meinung. Sie gilt ihm als objektiver Maßstab. Auch für andere, und *gerade* für sie. Eiferer dürfen daher Kreuzzüge führen. Sie müssen das vielleicht sogar. Eiferer stellen die größte Herausforderung für Tolerante dar. Also nochmal: Muss man als Toleranter Eiferer tolerieren? Widerspricht man sich selbst, wenn man es nicht tut? Eine einfache Antwort: Ja. Ein wirklich Toleranter *muss* andere Gründe respektieren. Sie hassen nun mal Musicals. Sie glauben, dass das objektiv richtig ist. Sie hassen Gasmasken, Blümchensex, Tattoos, Silikon etc. So sind sie eben, lass sie. Das ist ihre Sache.
Etwas anderes ist, ob man deswegen alles mit sich machen lassen muss. Das muss man nicht. Die Freundin müsste sich z.B. nicht ihre Musical-Sammlung schreddern lassen. Oder fortwährend Schmähreden über Andrew Lloyd-Webber anhören. Oder sich unter dem Deckmäntelchen der Meinungsfreiheit auf andere Weise den Tag vermiesen lassen. Nichts anderes gilt im Fall sexueller Vorlieben. Natürlich kann man für sich Grenzen ziehen und sagen: Genug ist genug.
Tolerant zu sein heißt schließlich nicht, ein Schaf zu sein. Mann muss sich nicht zur Schlachtbank intoleranter Eiferer führen lassen. Man muss sich nicht sagen lassen, was man hinzunehmen hat und was nicht. Man muss sich nicht diktieren lassen, was man als beleidigend oder herabsetzend empfinden darf und was nicht. Man muss sich nicht belehren lassen, mit wem man Kontakt zu pflegen hat, und auf wen man verzichten kann. Das sind alles subjektive Bewertungen; die eigene steht einem immer frei. Wer all dies nicht mit sich machen lässt, ist nicht intolerant. Er widerspricht sich nicht selbst. Er muss sich diesen Schuh nicht anziehen.
Im Grunde genommen ist es letztlich ganz einfach: Anderen nicht die eigene Meinung aufzwingen zu wollen, bedeutet eben nicht, dass man sich darum nun selbst andere Meinungen aufzwingen lassen müsste. Das kann zwar nur der Tolerante verstehen, und nicht der Eiferer. Nur, der Tolerante sollte sich auch nicht ins Bockshorn jagen lassen. Er muss sich nicht Intoleranz von jemandem vorwerfen lassen, der von Toleranz weder etwas versteht, noch wirklich Wert auf sie legt. Der sie bestenfalls im Munde führt, wenn es *seine* eigenen Vorlieben betrifft.
Also: Semper fidelis und immer hoch zielen!
Und: Long live Andrew Lloyd-Webber!
P.S.:
Ähnlichkeiten zu aktuellen Diskussionen und immer wiederkehrenden Flames sind natürlich rein zufällig und nicht beabsichtigt. Denn letztlich ist das ein viel größeres Thema. Nicht nur für eine so kleine Gemeinschaft wie die Welt des BDSM gilt: Wer das Feld den Eiferern überlässt, dem bleibt am Ende nur die innere Emigration. Oder das Auswandern. Doch wer garantiert, dass der ganze Wahnsinn nicht anderenorts einfach wieder von vorne losgeht?
In Liebe für meine unvergleichliche *ever thine*!
© Text: Bedford
© Bild: vladi


