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29.05.2026
29.05.2026
Topic contribution

SM & Übergriffigkeit

In diesem Essay möchte ich gern über die Verbindung zwischen BDSM und übergriffigem Verhalten sprechen. Nahezu alle BDSMer die verschiedene Partner hatten, oder sich mit ihrer Neigung im öffentlichen Raum (Szene-Messen, SM-Partys, Spielkreisen) bewegen, sind mit übergriffigem Verhalten entweder selbst in Kontakt gekommen oder konnten dieses zumindest beobachten.
Was mich zu der Frage bringt: „Muss das sein?“
Doch zuvor möchte ich einmal definieren was „übergriffig“ eigentlich bedeutet.
Ich habe dazu zwei Definitionen gefunden:
„Übergriffig bedeutet, dass eine Person bewußt in die Rechte oder den persönlichen Bereich eines anderen Person eingreift, oft ohne dessen Zustimmung. Das kann körperliche als auch verbale Übergriffe einschliessen.“
„Übergriffigkeit ist ein im deutschen Recht unbestimmter Rechtsbegriff, der eine Vielzahl von Handlungen einschliesst, welche die körperliche, seelische oder sexuelle Integrität einer Person verletzen oder deren Grenzen überschreiten.“
Bei genauerer Betrachtung stellt man fest, dass die konkreten Fälle in den Menschen von „übergriffigem Verhalten“ sprechen, ebenso vielfältig, wie die Definitionen vage sind, sein können und davon abhängen wie sensibel die Antennen des Gegenübers sind.
So gehören, ungefragtes Kommentieren von Körpern: „Du hast aber zugenommen“ oder „Du siehst exotisch aus“ dazu. Wie auch kleine subtile Herabsetzungen oder Zuschreibungen: „Wo kommst du wirklich her?“ oder „Du sprichst aber gut Deutsch.“ Weiter geht es mit Handlungen die als „kulturelle Aneignung“ gesehen werden können, sowie ungebetenen politischen oder identitätsbezogenen Diskussionen und gipfelt in unerwünschten körperlichen Berührungen.
Der Katalog reicht also von: „Ich schiebe den Einkaufswagen eines anderen Kundem im Supermarkt sanft zur Seite“ bis zum bewussten „zufälligen“ Berühren einer anderen Person. Wir kennen natürlich alle noch gravierendere Beispiele, die aber im Grunde bereits das Terrain der Übergriffigkeit verlassen haben und schon an der Schwelle zur Straftat stehen. So kann z.B. ein ungefragter Kuss, je nach Situation, willkommen, übergriffig oder sexuelle Nötigung sein.
Genau das macht die Bewertung einer "übergriffigen" Handlung sehr komplex.
Die sexuelle Annäherung ist ein von Fallstricken durchzogenes menschliches Gebiet: hoch emotional, oft unausgesprochen, voller Andeutungen, Unsicherheit, Scham und gegenseitiger Interpretation. Gerade deshalb lässt sich die Möglichkeit eines als „übergriffig“ empfundenen Moments niemals vollständig aus dem Spiel der Annäherung entfernen. Selbst mit besten Absichten nicht. Und „beste Absichten“ sind in sexuell angeheizten Situationen nicht immer der vorrangige Fokus.
Eine - der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen entsprechende - Annäherung bedeutet immer, eine Grenze zu testen, bevor man genau weiß, wo sie verläuft. Ein Blick, ein Kompliment, eine Berührung am Arm, eine Einladung mit romantischer oder sexueller Absicht – all das geschieht nicht nach klaren Verträgen, sondern in einem nonverbalen Raum aus Signalen, Erwartungen und Missverständnissen.
Wer sich einem anderen Menschen nähert, riskiert zwangsläufig, zu weit zu gehen. Und wer sich angenähert fühlt, kann dieselbe Handlung völlig unterschiedlich erleben – erwünscht, schmeichelhaft, unangenehm oder eben übergriffig.
Je sensibler man den Begriff „übergriffig“ für sich definiert, desto stärker verschiebt sich die Grenze in den Bereich subjektiver Wahrnehmung. Dann wird nicht mehr nur grobe Grenzverletzung problematisch, sondern bereits das unerwünschte Überschreiten emotionaler oder körperlicher Distanz. Das ist verständlich, weil Menschen Schutz vor unangenehmen Erfahrungen suchen. Gleichzeitig ist jeder Annäherung ein Spannungsverhältnis immanent. Ohne die Möglichkeit eines unerwünschten Vorstoßes gäbe es auch keine spontane Erotik, kein Flirten, keine Eroberung, kein tastendes Kennenlernen.
Zwischen zwei Menschen existiert vor der ersten Annäherung selten vollständige Klarheit. Das macht menschliche Begegnungen einerseits riskant, andererseits aber auch lebendig. Eine Gesellschaft kann Regeln für Respekt, Sensibilität und Zustimmung entwickeln. Sie kann grobe Grenzüberschreitungen klar ächten. Aber sie wird niemals jede Form von Irritation, Unsicherheit oder falsch verstandener Annäherung aus der zwischenmenschlichen Dynamik entfernen können, ohne zugleich das Wesen spontaner Intimität zu verändern.
Und bisher spreche ich nur vom ganz üblichen Annäherungsprozeßen wie sie in jeder Bar oder im Sportstudio stattfinden können. Nimmt man jetzt noch den Aspekt BDSM dazu und berücksichtigt das Menschen in der Szene mitunter anders kalibriert sind, dass eine im Flirt gesprochene Herabsetzung vom Gegenüber als erotisierend empfunden werden kann, ja das BDSM für nicht wenige Menschen von der Grenzüberschreitung lebt, so öffnet sich ein Minenfeld von der Größe eines Fußballplatzes.
Natürlich kann man, alle Besonderheiten, die eine BDSM-Beziehung ausmacht, bei der Annäherung - beim ersten Flirt - weglassen. Das ist safe. Damit läuft man aber Gefahr, vom Gegenüber vorschnell aussortiert zu werden: „Ich dachte sie/er wäre dominant, das habe ich null gespürt. - Wieder so ein Pseudo-SMer“. Beim spontanen Flirt auf einer Party, hat man vielleicht das Gefühl, nur einen Versuch zu haben. Man möchte sich als das passende Gegenstück präsentieren und nicht beliebig wirken.
Sich aber als z.B. dominante Person wirkungsvoll in Szene zu setzen, kann aber vom Gegenüber als übergriffig empfunden werden.
Aus meiner Sicht ist die zielführende Frage ist deshalb nicht, wie man durch ein Awareness-Team auf einer Party oder beim privaten Date jede potenziell unangenehme Annäherung im Keim erstickt. Dafür ist das subjektive Empfinden von Menschen (BDSMern) zu verschieden. Niemand möchte beim ersten Date, vorher einen Annäherungskontrakt unterzeichnen.
Die Frage muss eher lauten: wie wir lernen in vorsichtigen, kleinen Schritten eine Annäherung zu gestalten die dem Gegenüber Rückzugs-Chancen lässt. Wie wir uns selbst befähigen eine Zurückweisung angemessen zu verkraften – und wie beide Seiten zwischen unbeholfener Kontaktaufnahme und tatsächlichem Machtmissbrauch unterscheiden lernen, ohne nur die eigene „Verletzung/Empfindung“ in den Blick zu nehmen, sondern im Gegenüber einen Menschen sehen der es vielleicht besser machen wollen würde, wenn er wüßte wie.
Gutes gelingen!
Text & Bild: M.Zyks
Author
MagicZyks
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